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erschienen in: ETH Life, der Onlinezeitung der Technischen Hochschule Zürich, vom 11. April 2006

Genug getrunken?
Studie zum Wasserhaushalt beim Marathonlauf.

Den Zürich Marathon am Sonntag nutzten Carmen Rusch und Paolo Colombani für ein gross angelegtes Forschungsprojekt. Bei 180 Teilnehmern untersuchten sie, wie sich der Wasserhaushalt im Körper bei einem Marathonlauf verändert. Sie waren wohl die einzigen, für die der vierte Zürich Marathon nicht ins Wasser fiel.

10 Grad Celsius, 1030 Hektopascal Luftdruck und 85 Prozent Luftfeuchte zeigt die kleine Wetterstation vor dem Optikergeschäft am Limmatquai an. Gegenüber stehen am Grossmünster und auf der Quaibrücke einige hundert Zuschauer unter ihren bunten Schirmen. Sie bringen ein wenig Farbe in diesen grauen Sonntagvormittag. Beständig klatschen sie und feuern lauthals die 5'300 Läufer an, die beim vierten Zürich Marathon starteten. Den ganzen Morgen hat es ohne Unterlass geregnet – harte Bedingungen für die Läufer, Zuschauer und Helfer.

Glück hatte nur das Team vom ETH-Forschungsprojekt „Aqua 06“. Auf dem Start- und Zielgelände in Wollishofen hatten sie als einzige ein warmes Dach über dem Kopf. Die Organisatoren des Marathons sponserten ihnen eine beheizte Holzhütte. Und die brauchten sie auch, denn für ihre gross angelegte Studie über den Wasserhaushalt eines Marathonläufers nahmen sie hunderte Blutproben – kurz vor dem Start und nach dem Zieleinlauf.

Mit Laufzettel von Station zu Station

Es war eine logistische Meisterleistung mit einem ausgetüftelten Fahrplan: 180 Läufer stellten sich zur Verfügung. Das heisst alle zehn Minuten wurden 25 bis 30 Männer und Frauen untersucht. Es war wie ein Postenlauf von Station zu Station. Am Eingang erhielt jeder einen 'Laufzettel’. Dann ging es zum Blutabnehmen, anschliessend zur Waage. Bei der zweiten Untersuchung nach dem Zieleinlauf galt es noch einen Fragebogen über das Trinkverhalten auszufüllen.

Eilends wurden die Blutproben in ein provisorisches Labor in die Kantonsschule Enge gebracht. Dort wurden sie in mehrere kleinere Gläschen pipettiert. Ein Teil der Proben musste sofort analysiert werden, da einige Bestandteile wie die roten Blutkörperchen nicht lange Zeit stabil bleiben. Der andere Teil wurde zentrifugiert, um später im Unispital unter die Lupe genommen zu werden.

Zu viel trinken kann zum Nachteil werden

Neben einer breiten Palette an Blutwerten interessiert die ETH-Forschenden Paolo Colombani und Carmen Rusch besonders der Natrium-Gehalt. Natrium ist als Bestandteil von Kochsalz ein Marker für den Wasserhaushalt des Körpers: Zu wenig Natrium im Blut heisst, dass der Körper überwässert ist, viel Natrium im Blut heisst, dass er entwässert ist.

Parallel wurde auch die Gewichtsveränderung gemessen um zu prüfen, ob nach dem Rennen mehr oder weniger Wasser im Körper ist als davor. Die meisten Teilnehmer sind nach einem Marathon eher 'entwässert’ „Es kann aber durchaus vorkommen, zu viel getrunken zu haben“, sagt der Oberassistent für Humanernährung, Paolo Colombani. „Insbesondere bei einem Marathon mit einer hohen Zeitlimite können langsam Laufende zu viel trinken. Dies kann zu einer Blutverdünnung führen, bringt den Elektrolyt-Haushalt durcheinander und mindert die körperliche Leistungsfähigkeit. In selten Fällen führt dies zum Kollaps.“

Ist deshalb feuchtes und kühles Wetter besser für den Wasserhaushalt? Weit gefehlt. "Viele Läufer trinken dann weniger und sind noch schneller 'entwässert'", weiss der erfahrene Sporternährungswissenschaftler. Bereits während seiner Doktorarbeit beschäftigte er sich mit Langstreckenläufen. Mit dem Hochschulsportverein ASVZ hatte er alleine zum Zwecke von Forschungsprojekten mehrere Marathons mit 20 Läufern organisiert.

Ziel der Studie: Die richtige Trinkmenge

Ziel der Studie „Aqua 06“ ist es, eine Empfehlung für die optimale Trinkmenge beim Ausdauersport zu geben. Bis jetzt heisst es oft nur, möglichst viel zu trinken. Das soll weiter konkretisiert werden. „Als Dankeschön erhält in den nächsten Wochen jeder Studienteilnehmer seine Ergebnisse mit einer individuellen Trinkempfehlung zugeschickt“, kündigt Carmen Rusch an. Die Fussballerin schreibt über die Untersuchung des Wasserhaushalts von Marathonläufern ihre Masterarbeit im Fach Bewegungswissenschaften und Sport.

Mehr Erlebnis, weniger Wettkampf

Fast 60 freiwillige Helferinnen und Helfer engagierten sich für das Projekt – darunter zehn Ärzte und Krankenschwestern, die Paolo Colombani und Carmen Rusch für das Blutabnehmen gewinnen konnten. Unterstützt wurde das Projekt ausserdem vom ETH-Departement Biologie, vom Swiss Olympic Medical Center move>med Zürich, dem Unispital Zürich und dem Marathon-Organisationskommitee.

Für die 29-jährige Läuferin Gabriela war es selbstverständlich, neben dem Marathon auch bei der Studie mitzumachen: „Ich habe am Tag vor dem Lauf meine Diplomarbeit über Osteopathie fertiggestellt. Deshalb weiss ich, wie schwer es ist, Teilnehmer zu finden.“, sagt sie. Marathon laufe sie, weil man bei solchen langen Distanzen nicht gegeneinander sondern miteinander renne. „Es ist weniger Wettkampf und mehr Erlebnis.“ Doch der Regen machte auch ihr zu Schaffen. „Es war ziemlich unangenehm, denn meine Jacke hatte sich voll gesogen und wurde immer schwerer.“ Und so waren die vielen Helfer der Aqua-Studie wohl einzigen, die an diesem Sonntag trocken blieben.

 

5.300 Läuferinnen und Läufer sind trotz des Regens beim vierten Zürich-Marathon angetreteten.

Die Zuschauer entlang der Strecke brachten etwas Farbe und Stimmung in den grauen Laufsonntag.

Im Trockenen: Die Organisatoren Carmen Rusch und Paolo Colombani bekamen eine Holzhütte zur Verfügung gestellt.

Für Läuferin Gabriela war es selbstverständlich teilzunehmen. Am Tag davor hatte sie selbst ihre Diplomarbeit fertiggeschrieben.
Fotos: MB
 
 
 
 
 
Genug getrunken!

"Eine optimale Flüssigkeitszufuhr während eines Marathonlaufs trägt zu einer optimalen Leistung bei und reduziert das Risiko von negativen gesundheitlichen Auswirkungen eines gestörten Wasserhaushaltes", heisst es auf der Internetseite der Studie unter www.sfsn.ethz.ch/aqua06.

Wie viel man beim Sport mindestens trinken muss, kann jeder selbst ablesen: Einfach vorher und nachher auf die Waage stellen und vergleichen. So viele Kilogramm, wie man abgenommen hat, muss man in Litern trinken, um das verschwitzte Wasser zu kompensieren.

Mehr zum Thema und zu ersten Ergebnissen der Studie am 20. April um 21 Uhr im Wissenschaftsmagazin "MTW" auf SF 1.