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erschienen in: Paula 7. Zeitung der S-Bahn Berlin GmbH. Ausgabe 4/2007.

Wenn die Alte schlapp macht.
Hilfsbrücken in Köpenick eingeschwebt.

Halb Köpenick kam, um sich das Spektakel anzuschauen: Ein riesiger Kran auf den Schienen hievte am Morgen die alten Brückenüberbauten heraus. Abends setzte er die Einzelteile der neuen Hilfsbrücken ein, die nun die Bahnhofstraße überspannen. Ganz vorsichtig ging das wuchtige Gerät vor, denn das Ein- und Aussetzen war Millimeterarbeit.

Das rege Treiben am Wochenende 16./17. März konnte kaum einem Köpenicker entgangen sein. Schließlich war die ganze Passage zwischen dem nördlichen und dem südlichen Stadtteil dicht. Kein Regionalzug, kein Auto, keine Straßenbahn, kein Bus konnte das Nadelöhr passieren. Allein durchs Bahnhofsgebäude gelangte man von der einen zur anderen Seite. Und oben pendelte alle 20 Minuten die S-Bahn.

Man sah es ihnen an: Rund 100 Jahre hatten die altersschwachen, rostigen Bahnbrücken auf dem Buckel. Die Regionalexpresse, die Fernzüge in Richtung Warschau und die schweren Erzzüge nach Eisenhüttenstadt konnten sie nur noch mit 30 Kilometer pro Stunde überqueren. Bei der S-Bahn war’s nicht ganz so schlimm.

Reif für den Schrottplatz

Ein 150 Tonnen schwerer Eisenbahn-Drehkran setzte die alten Trogüberbauten auf rollenden Böcken ab. Der Schotterbett war aus dem Brückenteil längst herausgekehrt. Über das S-Bahngleis am Bahnsteig entlang wurde das marode Museumsstück zur alten Güterladerampe gerollt. Schneidbrenner zerteilten es in „handliche“ sechs Meter lange Einzelteile, um diese zum Schrottplatz zu bringen.

Oben fahren – unten bauen

Ersatz stand schon bereit: Aus Konz-Karthausen bei Trier kamen die Bauteile für zwei 80 Tonnen schwere Hilfsbrücken aus Stahl angereist. Jede besteht aus vier T-förmigen Trägern, die am Abend eingehängt wurden. Auf der Bahnhofsseite liegt sie auf den alten Widerlagen. Auf der gegenüberliegenden Seite wurde eigens eine Spundwand einige Meter hinter das alte Mauerwerk in den Bahndamm gerammt. Dort liegt die sogenannte „Zwillingsträger-Hilfsbrücke“ auf und überspannt die nächsten drei Jahre die Bahnhofstraße. Der Vorteil: Nun kann auf dieser Seite das alte Widerlager abgebrochen und das neue errichtet werden – während oben der Zugverkehr rollt.

Ein Heim für Hilfsbrücken

Mit 27 Metern gehören die in Köpenick eingesetzten Behelfskonstruktionen zu den längsten. Das DB-Brückendepot bei Trier hat rund 170 solcher Hilfsbrücken auf Lager. Wenn eine alte Brücke schlapp macht, hilft man in ganz Deutschland und im europäischen Ausland aus. Die meisten der stählernen Exemplare werden im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums für Katastrophenfälle wie dem Elbe-Hochwasser bereitgehalten. In Berlin sind sie zum Beispiel in Friedrichshagen, über der Schlichtallee, in Lichterfelde West oder ab April an der Großgörschenstraße im Einsatz.

Eine Brücke sieht die Welt

Doch Hilfsbrücken sind nur Provisorien. Etwa im Jahr 2010 werden in Köpenick die endgültigen Überbauten eingesetzt – wieder Schottertrogbrücken wie zuvor. Dann gehen die Behelfsbrücken wieder auf Reise zu ihrem nächsten Einsatz. Bis dahin wird auch der neue Regionalbahnsteig errichtet. Dafür wird der Bahndamm einige Meter in Richtung Süden verbreitert. Schließlich braucht der neue Mittelbahnsteig viel mehr Platz und die Fernbahngleise rücken etwas von der S-Bahn weg. Wie breit der Bahndamm wird, erkennt man bereits heute an der neuen Betonspundwand neben dem Einkaufszentrum. Das heutige Zugangsgebäude zu den künftig zwei Bahnsteigen wird entsprechend umgebaut. Der Regionalbahnsteig reicht sogar über die Brücke hinüber und wird damit zwei Zugänge haben. Der S-Bahnsteig soll unverändert erhalten bleiben.

Die Köpenicker Brücke ist nur eine von 14 Bahnüberführungen, die im Zuge des Streckenausbaus Berlin—Frankfurt (Oder) erneuert werden. Diese wichtigste Trasse in Richtung Osteuropa wird auf elektronische Stellwerkstechnik und für Tempo 160 überholt. Auch die Bahnbrücken Schlichtallee, in Friedrichshagen oder der Bahnhofsumbau in Erkner gehören zu dem 220-Millionen-Projekt. Am Wochenende 16./17. März wurden die beiden Fernbahnbrücken ersetzt. An den beiden folgenden Wochenenden wurden nacheinander die beiden S-Bahnbrücken ausgetauscht. Ursprünglich sollte alles bereits im Oktober über die Bühne gehen. Doch eine der Baufirmen meldete überraschend Insolvenz an, und so musste das Programm verschoben werden.

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Davongeschwebt: Ein 150 Tonnen schwerer Eisenbahn-Drehkran hebt die rostige Hundertjährige heraus
 

 

 

Zwillingsträger-Hilfsbrücke ZH 26: Aus zweimal zwei dieser 26,9 Meter langen Trägern besteht so ein Brückenprovisorium